Technikbildung in die Schule
Selbst über 1000 Modellprojekte von Verbänden, Stiftungen oder Unternehmen zur Förderung von Technikinteresse könnten wenig ausrichten, solange es keinen Technikunterricht an den deutschen Schulen von Anfang an gebe, heißt es in der Studie, die am 11. April in Osnabrück veröffentlicht werden sollte. "Der zentrale Ort der Technikvermittlung muss die Schule sein", erklärte Studienleiter und acatech-Präsidiumsmitglied Ortwin Renn in einer Kurzfassung, die dem dpa-Dossier Bildung Forschung vorab vorlag.
Technikunterricht müsse als fester Bestandteil der Lehrpläne an den Schulen verankert werden - ob als eigenes Schulfach oder in andere Fächer integriert sei zweitrangig, hieß es. "Nur dort können Kinder entsprechend ihrer Begabung frühzeitig und kontinuierlich bis in die Oberstufe an Technik herangeführt und Wissen aufgebaut werden. Die Einführung von Technikunterricht an Schulen ist daher nicht nur sinnvoll, sie ist längst überfällig", betonte Renn. Auch müssten für den Unterricht entsprechende Fachkräfte ausgebildet und für eine geeignete technische Ausstattung gesorgt werden.
Renn, Technik- und Umweltsoziologe an der Universität Stuttgart, ist als Risikoforscher in jüngster Zeit auch einer größeren Öffentlichkeit bekanntgeworden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) holte ihn in die neue Ethik-Kommission zur Klärung ethischer Fragen der Atomenergienutzung.
Potenzial von Mädchen wird nicht gefördert
Der acatech-Studie "Monitoring von Motivationskonzepten für den Techniknachwuchs" (MoMoTech) zufolge sollte die Technikförderung am besten schon im Kindergarten beginnen. Die Forscher beklagen, dass oft noch die Ansicht vorherrsche, Lernkompetenz in diesem Bereich beginne erst ab der achten Klasse. "Das können wir heute als widerlegt zurückweisen. Die technische Früherziehung muss sprichwörtlich im Sandkasten beginnen und dann kontinuierlich ausgebaut werden. Nur so können wir sicher stellen, dass sich mehr junge Menschen auch später im Beruf mit Technik beschäftigen wollen", sagte Renn.
Mit Blick auf den Nachwuchsmangel in den technischnaturwissenschaftlichen Berufen geht die Studie auch der Frage nach, warum sich so wenig Mädchen in Deutschland für einen solchen Weg entscheiden. Demnach wird Mädchen bereits im Elternhaus eine geringe Technikkompetenz zugeschrieben und sie werden in Bezug auf Technik weniger gefördert als Jungen. Zudem sprechen technikinteressierte Jungen den Mädchen solche Fähigkeiten ab. Die Folge: Mädchen schätzen sich selbst bei besseren Noten in Technik, Physik oder Mathematik als weniger technikbegabt ein. "Alarmierend" ist laut Renn, dass sich die ehemals höheren Anteile von Ingenieurinnen und Naturwissenschaftlerinnen im Osten Deutschlands inzwischen an das schlechtere Westniveau angleichen. "In unserem bestehenden Bildungssystem gelingt es nicht, das intuitive Interesse von Mädchen an Technik über die Schulzeit zu retten und in ein stabiles Selbstkonzept ihrer technischen Fähigkeiten zu überführen", kritisierte Renn. Er empfahl, in diesem Bereich Mädchen und Jungen getrennt zu unterrichten. "Die MoMoTech-Studie zeigt: Wenn Mädchen unter sich sind, bauen sie Selbstzweifel ab, sind motivierter und können in Hinblick auf ihre Begabungen besser gefördert werden."
Die laut acatech bislang umfassendsten Studie zu den Technik-Nachwuchsinitiativen in Deutschland arbeitet auch heraus, was an diesen Projekten verbessert werden könnte. So sollten die Initiativen altersgerechte, pädagogisch qualifizierte Angebote machen, stärker miteinander verzahnt werden und an den Schulunterricht anknüpfen. Um das Interesse bei technikfernen jungen Menschen zu wecken, seien regelmäßige Besuche von Science Center zu empfehlen.
Die von der Georgmarienhütte GmbH finanzierten Studie wurde von acatech in Zusammenarbeit mit der Universität Stuttgart durchgeführt. Die Wissenschaftler untersuchten zwischen März 2007 und Juni 2010 Ziele und Wirkung von 317 Modellprojekten zur Förderung des Technikinteresses. Dabei ging es vor allem um Aktivitäten im Elementar- und Primärbereich, um schulische und außerschulische Förderung in der Sekundarstufe und um Projekte für spezifische Zielgruppen. 16 Initiativen wurden genauer unter die Lupe genommen. Abschließend erstellten die Forscher eine Best-Practice-Analyse. MoMoTech ist Teil der "acatech Gesamtstrategie Techniknachwuchs".
Weitere Informationen:
http://www.motivation-technikentdecken.de/
Quelle: dpa-Dossier Bildung Forschung Nr. 15/2011









