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21.05.2012
Prof. Ahrbeck: "Ich glaube nicht, dass der inklusive Weg immer der richtige ist"
"Wir brauchen Sonderschulen, aber wir brauchen weniger als wir haben", erklärt Professor Bernd Ahrbeck von der HU Berlin. Warum der Pädagoge und Psychoanalytiker Wermutstropfen in die Inklusionsdebatte gießt und warum er nicht für jedes Kind die inklusive Schule als idealen Ort sieht, erläutert er im Interview mit bildungsklick.de.

Herr Prof. Ahrbeck, sollten wir auf Sonderschulen verzichten?

Bernd Ahrbeck: Auch die Länder, die sehr viel Integrationserfahrung haben, kennen kein System mit einer kompletten Inklusion. Auch ein Land wie Finnland hat klassische Sonderschulen für rund ein Prozent aller Schüler und zusätzlich besuchen dort rund drei Prozent der Kinder Sonderklassen. Offensichtlich sind der Inklusion Grenzen gesetzt. Allerdings gibt es zwischen Finnland und Deutschland auch einen elementaren Unterschied: 40 Prozent der Schulen in Finnland haben weniger als 50 Schüler und 60 Prozent haben weniger als sieben Lehrer. Insofern ist schon aus historischen und geografischen Gegebenheiten in Finnland so etwas wie ein klassisches Sonderschulsystem überhaupt nicht denkbar. Die großen Schuleinheiten, die wir hier haben, sind in Finnland gänzlich unbekannt. Im Mittelpunkt steht dort die Dorfschule, die Gemeinschaftsschule, so wie in Schweden. Im Mittelpunkt der deutschen Bildungstradition steht das Gymnasium.

Das Gemeinsame kann nicht das einzige Kriterium sein

Bleibt die Frage: Brauchen wir Sonderschulen?

Bernd Ahrbeck: Wir brauchen ganz sicher viel weniger Sonderschulen als wir zurzeit haben. Ich bin aber nicht der Auffassung, dass wir prinzipiell keine Sonderschulen mehr benötigen. Die grundlegende Frage ist doch: Was ist das Ziel von Schule, was ist das Ziel von Inklusion? Die Überzeugung, dass das Gemeinsame ein hoher Wert ist, teile ich. Aber das kann nicht das einzige Kriterium sein. Es geht in der Schule auch um die Entwicklung von Leistung und darum, Kinder angemessen auf das Leben vorzubereiten. Insofern ist zum Beispiel die Frage nicht unerheblich, wie viele Kinder, die als lernbehindert gelten, überhaupt zum Hauptschulabschluss kommen. Diese Frage muss man an beide Systeme stellen - an die Inklusion wie an die spezielle Beschulung. Die Erfolge der Sonderschulen sind auf diesem Gebiet nicht überwältigend. 25 bis 30 Prozent der Schüler erreichen einen Hauptschulabschluss. Wir wissen nicht, ob diese Zahl in der Inklusion wirklich höher sein wird.

Der Hamburger Schulversuch in den 1990er Jahren, ein klassischer Inklusionsversuch, bei dem u. a. die sonderpädagogische Förderkategorie im Bereich Lernen abgeschafft wurde, hat keine besonders ermutigenden Ergebnisse hervorgebracht. Die leistungsschwächeren Schüler sind die leistungsschwächeren geblieben. Das durchschnittliche Leistungsniveau der Klassen war auffallend gering, die Sonderschulüberweisungsquoten hatten sich nach vier Grundschuljahren keinesfalls reduziert.

Auch wenn insgesamt einiges dafür spricht, Lernbehindertenschulen nicht im bisherigen Ausmaß beizubehalten, so stellt sich dennoch die Frage, ob man für bestimmte Kinder weiterhin spezielle Schulangebote bereithalten sollte. Für Kinder nämlich, die in inklusiven Klassen nicht gut zurechtkommen. Besonders sensible Kinder, Kinder, die sich leicht gemobbt fühlen, oder Kinder, die einen stabilen, vertrauten Rahmen brauchen, kommen oft in kleinen überschaubaren Gruppen mit engeren, intensiveren Bindungen besser zurecht.

Eltern sind unterschiedlicher Auffassung

Und wer entscheidet, ob die inklusive Schule oder die Sonderschule besser für das einzelne Kind ist?

Bernd Ahrbeck: Letztendlich sollten die Eltern entscheiden, aber Eltern sind entgegen landläufiger Meinung sehr unterschiedlicher Auffassung. Es gibt Elterninitiativen für den Erhalt der Lernbehindertenschulen. Es gibt Elterninitiativen für mehr Inklusion. Eltern sind sehr auf pädagogischen Sachverstand angewiesen und auf fachlich kompetente Beratung, die möglichst unideologisch erfolgen sollte. Dabei mag für das eine Kind der eine Weg besser sein als der andere. Ich glaube nicht, dass grundsätzlich immer, zu allen Zeiten und bei jedem Kind der inklusive Weg der richtige ist. Und ich bin ebenso davon überzeugt, dass man nicht prinzipiell auf institutionelle Differenzierungen verzichten sollte.

Aber den inklusiven Weg muss es doch geben ...

Bernd Ahrbeck: Natürlich; unbedingt. Es ist zweifelsfrei ein großer Fortschritt, wenn Kinder ein Recht darauf haben, gemeinsam beschult zu werden. Gleichwohl macht eine gemeinsame Beschulung für ein Kind, das eine Behinderung aufweist, doch nur dann einen Sinn, wenn ihm diese Beschulungsform persönlich dienlich ist; wenn sie ihm hilft, in der Schule und im späteren Leben besser zu Recht zu kommen. Insofern müssen unterschiedliche Wege offen gehalten werden. Von einer radikalen institutionellen Entdifferenzierung halte ich wenig. So sind Kinder mit massiven Verhaltensstörungen oft nur sehr schwer zu integrieren. Es gibt weltweit kein tragfähiges Modell, in dem eine totale Inklusion für diese Personengruppe funktioniert.

Wie beschreiben Sie ein Schulsystem, das ideal - oder zumindest gut - für alle Kinder ist?

Bernd Ahrbeck: Ein gutes Schulsystem ist eines, das Kindern und Jugendlichen mit Behinderung den bestmöglichen Weg ins Leben weist, das dazu führt, dass sie optimale Entwicklungsmöglichkeiten erhalten, um mit sich selbst und in der Gesellschaft zurechtkommen. Dabei spielt auch der Leistungsgesichtspunkt eine wichtige Rolle. Bei Schülern mit einer Lernbehinderung muss es ein starkes Bemühen darum geben, so viele Schüler wie irgend möglich zum Hauptschulabschluss zu bringen. Weil das eine entscheidende Voraussetzung dafür ist, dass sich ihre Zukunftsperspektiven verbessern. Nach der Schule stellt das Leben an alle Menschen die gleichen Fragen: Kannst du lesen, schreiben, rechnen und kannst du dich adäquat benehmen? Die Relativierung pädagogischer Ziele im Sinne von Beliebigkeit und bunter Vielfalt steht häufig in einem krassen Widerspruch zu den Anforderungen des Erwachsenlebens. Schließlich soll die Schule Kinder auf das Erwachsenenleben vorbereiten.

Das Erwachsenenleben ist nicht inklusiv

Eine Schule, die separiert, soll auf eine spätere Inklusion vorbereiten?

Bernd Ahrbeck: Das Erwachsenenleben ist ja nicht inklusiv. Jede entwickelte Gesellschaft ist hoch gespalten. Die Vorstellung von Inklusion und Gemeinsamkeit in der Schule, der eine Gemeinsamkeit im Leben entsprechen soll, ist manchmal vielleicht doch ein wenig zu idyllisch. Der begrüßenswerte Grundgedanke der Inklusion ist ja, dass Kinder mit Behinderung einen uneingeschränkten Zugang zu Bildungseinrichtungen haben, dass sie am Reichtum des Lebens partizipieren und in ihrer individuellen Eigenart anerkannt werden. Ob dazu wirklich in jedem Fall eine gemeinsame Beschulung notwendig ist, oder ob dies auch in anderen pädagogischen Bezügen erreicht werden kann, wäre ja noch zu überprüfen.

Also, manche Beiträge zur Inklusionsdiskussion scheinen mir ein bisschen zu schlicht zu sein. Ich glaube, dass der unbedingte Gemeinsamkeitswille ein Ziel ist, über das man noch einmal nachdenken sollte. Ist immer für alle Menschen das Gleiche gut genug? Inklusion im Sinne einer guten Förderung behinderter Kinder kann nur funktionieren, wenn wir hochgradig qualifizierte Spezialisten haben und wenn wir anerkennen, dass Menschen besonders sind und Besonderes brauchen. Die Abschaffung der sonderpädagogischen Förderkategorien, ihre Nivellierung zugunsten einer diffusen allgemeinen Entwicklungsförderung ist dazu kein guter Ratgeber. Eine große Gefahr ist, dass man behinderte Menschen in ihren Entwicklungsnotwendigkeiten übersieht, weil es allzu große Hemmungen gibt, ihre Schwierigkeiten als solche anzuerkennen und begrifflich zu fassen. Die Angst vor Etikettierungen ist manchmal schon ein wenig bedenklich.

Sehen Sie sich in der Inklusionsdebatte als Außenseiter?

Bernd Ahrbeck: Eigentlich nicht. Aber es ist ganz sicher nicht gut, dass das Inklusionsbegehren häufig unter stark moralisierendem Aspekt gesehen wird. So, als ginge es um einen Kampf zwischen "guten" und "schlechten" Menschen. Das verführt viele Lehrerinnen und Lehrer dazu, zu sagen "Oh, ja, wir machen das!" In Wirklichkeit aber haben sie Bedenken und stehen der Inklusion aus unterschiedlichen Gründen reserviert gegenüber. Zu einer offenen Auseinandersetzung muss es aber gehören, dass man über diese Bedenken frei sprechen kann. Ich habe den Eindruck, dass das gegenwärtig ziemlich schwierig ist. Im öffentlichen wie im fachlichen Diskurs wird leider sehr häufig projiziert und gespalten und diejenigen, die nicht im Mainstream mitschwimmen, werden dadurch in eine krasse Außenseiterposition gebracht. Der Satz "Vielfalt ist bereichernd" sollte auch hier gelten. Ihn auszusprechen ist offensichtlich leichter, als ihn ins Leben zu integrieren.

 

Quelle: Bildungsklick.de
Foto: privat