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15.02.2018
"Wir müssen die Fach- und Lehrkräfte unterstützen"
Vom 20. bis 24. Februar findet in Hannover die didacta 2018 statt - Europas größte Bildungsmesse. Im Interview spricht der Präsident des Didacta Verbandes der Bildungswirtschaft, Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis, über die Bedeutung der Messe für die Praxis und über aktuelle bildungspolitische Herausforderungen.

Herr Professor Fthenakis, die didacta ist Europas größte Bildungsmesse. Was genau verbirgt sich hinter diesem Superlativ?

Fthenakis: Die didacta ist weltweit die einzige mir bekannte Bildungsveranstaltung, die alle Fach- und Lehrkräfte anspricht, die den Pädagoginnen und Pädagogen derart umfassende Angebote zur Erleichterung ihrer Arbeit und zur eigenen Weiterqualifizierung unterbreitet und sich zugleich für ihren Stellenwert in Politik und Gesellschaft einsetzt.

Aber eine Messe ist doch vor allem eine Produktschau.

Fthenakis: Das ist richtig. Doch die didacta ist weit mehr als eine reine Produktmesse. Neben der Ausstellung bietet sie ein wohl einzigartiges Seminar- und Vortragsprogramm sowie zahlreiche bildungspolitische und wissenschaftliche Foren, die Raum zur Information, zum gegenseitigen Austausch und zur eigenen Fortbildung geben.

Für wen lohnt sich ein Besuch der didacta?

Fthenakis: Der Besuch der didacta lohnt sich für alle, die an Bildungsprozessen beteiligt sind - von der Kita über die Schule und Ausbildung bis zur beruflichen Qualifizierung. Doch Bildung findet nicht nur in den klassischen Bildungseinrichtungen statt, sondern vor allem auch in den Familien, im sozialen Umfeld und an außerschulischen Lernorten. Deshalb erhalten auch Eltern und grundsätzlich alle, die sich für Bildung interessieren, auf der didacta viele Anregungen für das Lehren und Lernen.

Die Unionsparteien und die SPD haben sich in den Koalitionsverhandlungen darauf verständigt, mehr als zehn Milliarden Euro zusätzlich für Kitas, Schulen, Hochschulen und die berufliche Bildung auszugeben. Sogar das Kooperationsverbot soll gelockert werden. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Fthenakis: Die Abschaffung des Kooperationsverbotes in der Bildung wäre ein richtiger Schritt, um die Arbeitsbedingungen in den Bildungseinrichtungen zu verbessern. Vorhaben, wie die Sanierung und Ausstattung von Gebäuden und der Ausbau der technischen Infrastruktur, könnten so angeschoben werden. Die Beteiligung des Bundes darf jedoch nicht dazu führen, dass Länder und Kommunen sich aus der finanziellen Verantwortung ziehen. Die politischen Ebenen müssen gemeinsam dafür sorgen, das Bildungssystem angemessen zu finanzieren. Noch wichtiger als das Investitionsvolumen ist jedoch, dass die zusätzlichen Mittel wirklich zu einer Qualitätssteigerung führen.

Wie kann die Qualität verbessert werden?

Fthenakis: Wir müssen vor allem die Fach- und Lehrkräfte unterstützen. Sie sind das Herzstück guter, professioneller Bildung. Sie sind auf Konzepte und Instrumente angewiesen, die Lehr- und Lernprozesse stärken. Das gelingt nur, wenn die Rahmenbedingungen für ihre Arbeit verbessert, fließende Übergänge im Bildungsverlauf gestaltet und neue didaktische und methodische Ansätze angewandt werden, die differenzierte und individuelle Bildungsprozesse ermöglichen. Sie benötigen Unterstützungsangebote, die eine neue Bildungsqualität sichern, gerade auch im Hinblick auf die zunehmend digitalisierte Welt.

In Kitas und Schulen fehlen viele Fach- und Lehrkräfte. Gerade erst hat eine Studie der Bertelsmann Stiftung aufgezeigt, dass in sieben Jahren 35.000 zusätzliche Grundschullehrerinnen und -lehrer benötigt werden. Stecken die pädagogischen Berufe in einer Krise?

Fthenakis: Die Fach- und Lehrkräfte tragen hohe Verantwortung für die Kinder und somit  auch für die weitere Entwicklung eines Landes. Diesen besonderen Wert für den Einzelnen und die Gesellschaft sollten alle im Sinn haben, die sich an bildungspolitischen Entscheidungsprozessen beteiligen. Dies gilt umso mehr, da die Anforderungen an die pädagogischen Berufe stetig wachsen. Inklusion und Digitalisierung sind beispielsweise zwei Entwicklungen, die große Herausforderungen darstellen.

In einer Didacta-Umfrage im Sommer 2016 unter 1140 Lehrerinnen und Lehrern gaben mehr als 80 Prozent der Befragten an, dass ihnen die für ihren Job notwendigen Kompetenzen nicht in der Ausbildung vermittelt wurden. Ist diese Kritik berechtigt?

Fthenakis: Diese Kritik kommt nicht nur von Lehrkräften, auch Erzieherinnen und Erzieher berichten davon. Sie werden mit mehr Aufgaben konfrontiert und fühlen sich darauf nicht gut genug vorbereitet. Seit vielen Jahren schon fordere ich eine Reform der Ausbildung pädagogischer Fachkräfte.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach verändern, damit sich Fach- und Lehrkräfte besser vorbereitet fühlen?

Fthenakis: Pädagogische Fachkräfte sollten in ihrer Ausbildung dazu befähigt werden, gemeinsam mit den Kindern Bildungsprozesse zu gestalten - und das nicht nur erfahrungsgeleitet, sondern vor allem fachlich begründet. Sie benötigen Interaktions- und Reflexionskompetenz, Beobachtungs- und Dokumentationskompetenz, Präventionskompetenz, Forschungskompetenz, Kompetenz, die sie befähigt, mit Diversität auf allen Ebenen umzugehen. Dazu gehört auch Leitungskompetenz und neuerdings auch digitale Kompetenz. Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrerinnen und Lehrer stehen heute vor der Herausforderung, mit den Eltern eine symmetrische Beziehung aufzubauen und mit ihnen eine Bildungspartnerschaft einzugehen. Zudem sollen sie die Stärken der analogen und der digitalen Welt produktiv und kreativ verbinden und so neue Lerngelegenheiten kreieren. Diese Anforderungen müssen in der Ausbildung berücksichtigt werden.

Die Digitalisierung ist der Programmschwerpunkt der didacta 2018. Welche Effekte auf das Lehren und Lernen hat der Einsatz digitaler Technik?

Fthenakis: Zahlreiche aktuelle Studien zeigen, dass der Einsatz neuer Technik  in Lernprozessen zu einer Stärkung der Lernmotivation, zu einem höheren Engagement der Kinder und zu höherer Zufriedenheit führen kann. Zudem stärkt sie selbst gesteuertes, kooperatives Lernen, problemlösendes und kreatives Verhalten. Kinder entwickeln komplexe und situationsunabhängige Beziehungen zueinander, auch zu Kindern aus anderen Ländern. So entwickeln sie die digitale Kompetenz, die heute als eine der vier Kulturtechniken neben Lesen, Schreiben und Rechnen betrachtet wird. Neuere Konzepte erweitern den Lernraum, beispielsweise mittels der Augmented Reality (erweiterte Realität): Bildungsräume und -inhalte, die dem Lernenden allein über seine Sinne nicht zugänglich, nicht verfügbar oder nicht sichtbar sind. Sie sollten in den Bildungsprozess eingebettet werden.

Lernen wir in der digitalen Welt besser?

Fthenakis: Der Einsatz digitaler Technik führt nicht automatisch zu besseren Lernerfolgen. Das Potenzial der Digitalisierung kann nur ausgeschöpft werden, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden.

Welche sind das?

Fthenakis: Auch hier hat die Forschung bereits Erkenntnisse geliefert, die man in vier Punkten zusammenfassen kann:
Erstens, die Bereitstellung einer Breitband-Infrastruktur. Sie ermöglicht den schnellen Zugang zu Informationen. Wichtig ist hierbei auch der Support, der garantiert, dass die Technik funktioniert und auf dem neuesten Stand bleibt.
Zweitens, die Qualifizierung der Fachkräfte, damit sie ihre Vorbehalte abbauen und ihre eigene digitale Kompetenz stärken können. Sie sollten in der Lage sein, in Kooperation mit anderen Fachkräften, geeignete didaktische Einheiten zu entwickeln.
Daraus folgt drittens die wichtigste Voraussetzung: Wir benötigen geeignete pädagogisch-didaktische Konzepte, die den sinnvollen Einsatz neuer Technik erst ermöglichen und rechtfertigen.
Und schließlich, viertens, wird die Familie eine zentrale Rolle spielen. Deshalb müssen sich neue Formen der Kooperation etablieren, auch unter Nutzung der digitalen Medien.

Wie sieht Ihrer Einschätzung nach eine digitale Didaktik aus, die den Ansprüchen an zeitgemäßes Lehren und Lernen gerecht wird?

Fthenakis: Im Wesentlichen sieht sie nicht anders aus als die Didaktik, die wir bei analogen Lernangeboten anwenden. Die  Didaktik an sich muss neu orientiert werden: Wir benötigen ein didaktisch-pädagogisches Konzept, das Lernen nicht nur als individuellen, sondern primär als sozialen Prozess auslegt, der aktiv vom Kind, den Fachkräften, den Eltern und anderen Erwachsenen gestaltet wird. Wir benötigen ein Konzept, das auf modernen Ansätzen aufbaut, die auch den virtuellen Raum miteinbeziehen und somit den Lernprozess erweitern und neue Perspektiven eröffnen. Lernprozesse sollten im Höchstmaß individualisiert sein. Sie sollten dabei die von den neuen Medien gegebenen Chancen produktiv und kreativ nutzen. Interaktionen, Dialog und kooperativen Formen des Lernens sind das Fundament eines solchen Ansatzes. All das findet man im didaktisch-pädagogischen Konzept der Ko-Konstruktion, das derzeit eine breite Anwendung erfährt.

Wie kann der Didacta Verband die pädagogischen Fachkräfte unterstützen?

Fthenakis: Gemeinsam mit Partnern aus Politik und Forschung wollen wir die Fach- und Lehrkräfte über kommende Entwicklungen im Bildungsbereich informieren und ihnen helfen, sich darauf vorzubereiten. Beispielsweise planen wir didaktische Konzepte und Materialien vorzustellen, die einen einfachen Zugang zu Wissen ermöglichen, neue Formen des kooperativen Lernens unterstützen und so zu besseren Lernergebnissen führen.  Wir möchten den Pädagogen Informationen an die Hand geben, die ihre Arbeit fachlich begründen und sie dabei unterstützen, ihre Lernziele zu erreichen. So werden wir zur Professionalisierung der pädagogischen Berufe beitragen.
Schon heute stellen wir in den Didacta-Medien regelmäßig praxisorientierte Lösungen und Best practice rund um das Lehren und Lernen vor. Und die didacta Messe und weitere Fachveranstaltungen, wie beispielsweise Kongresse in Kooperation mit den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig, bieten viele konkrete Anregungen für Fach- und Lehrkräfte.
Der Didacta Verband und die Messe machen sich dafür stark, dass die Bildungswirtschaft sich in diese Prozesse einbringt.

 

Kontakt
Thorsten Timmerarens
presse@didacta.de
Tel. 06151-35215-13