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31.03.2016
Zeichen setzen
von Kaja Godart

Es ist die wohl größte Herausforderung des Bildungssystems derzeit: die Integration von Flüchtlingskindern in Kitas und Schulen. Für diese wichtige Aufgabe bietet die Bildungswirtschaft zahlreiche Materialien und Konzepte, um Erzieherinnen und Lehrkräfte bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Auf der didacta - die Bildungsmesse in Köln wurden die Neuheiten nun vorgestellt.

Den Tag, an dem die Berliner Polizei in die Schule stürmte, um zwei Mitschülerinnen abzuführen und zurück in ihre Heimat zu schicken, werden Schüler und Lehrer nie vergessen. Auch mit solchen Erlebnissen müsse man jetzt umgehen, sagt Antje Bostelmann, Gründerin der Klax-Schulen. Sechs Flüchtlingsklassen gibt es dort mittlerweile. Kitas und Schulen in ganz Deutschland müssen sich derzeit auf neue Herausforderungen einstellen. Was brauchen Erzieherinnen und Lehrkräfte, um Flüchtlingskindern den Einstieg in Sprache, Unterricht und Gesellschaft zu erleichtern? Wie können Lehrkräfte die mitunter schwer traumatisierten Kinder bestmöglich integrieren?

Bildungsmesse im Zeichen der Flüchtlingsthematik

Die Bildungswirtschaft entwickelt derzeit zahlreiche neue Materialien, Technologien und Bildungskonzepte, um Antworten auf genau diese Fragen zu geben. Der Didacta Verband rief daher anlässlich der Bildungsmesse in Köln zur Aktion "Zeichen setzen!" auf: Aussteller, die Materialien für die Arbeit mit Flüchtlingskindern anbieten, machten mit einem Plakat an ihrem Stand darauf aufmerksam. Und das Angebot war groß: Für die Kleinsten gibt es Bilderbücher wie das "Bildwörterbuch Arabisch-Deutsch" aus dem Oberstebrink Verlag: Neben Zeichnungen zu Worten wie "Decke", "Frühstück" oder "Nachbar", steht jeweils der deutsche und arabische Begriff. Für das Buch arbeitete Verleger Gernot Körner eng mit einem islamischen Kinderbuchautor und Träger internationaler Friedenspreise zusammen. "Wir wollten sicherstellen, dass die Inhalte die muslimischen Gefühle nicht verletzen", erklärt Körner. Dabei können auch Musik und vertraute Lieder helfen: Der Ökotopia Verlag hat Musik-CDs mit Liedern aus aller Welt und Ideen für gemeinsame Rituale und Bewegungsspiele in der Kita zusammengetragen. Die Kultur der Kinder in den Kita-Alltag einzubauen, gebe ihnen ein Gefühl von Sicherheit, erklärt Brunhilde Seeger von der GEW, die selbst 47 Jahre Erzieherin war und weiß, wie wichtig es ist, die Neuankömmlinge an die Hand zu nehmen.

Kita als wichtigster Ort für Integration

"Alle Kinder müssten so schnell wie möglich einen Kita-Platz bekommen, sie ist der entscheidende Ort für Integration, Entwicklung und Spracherwerb", mahnte Wassillios E. Fthenakis, Präsident des Didacta Verbandes anlässlich einer Podiumsdiskussion in Köln. Zudem müsste schnellstmöglich mehr Personal und Geld bereitgestellt werden, für die Qualifizierung der Fachkräfte und für zusätzliche Arbeitsmaterialien.

Der ALS Verlag bietet etwa eine Jahresuhr an, die zeigt, wie sich Natur und Wetter im Laufe eines Jahres verändern. Die einzelnen Monatskarten können selbst gestaltet werden und so auch die Jahreszeiten der Heimatländer der Kinder zeigen. Auf vertraute Bilder setzt auch die Deutschwerkstatt zum Thema Märchen von Merlin Didakt: "Grimms Märchen gibt es auf der ganzen Welt", erklärt Geschäftsführer Eugen Hohl, "die meisten Kinder kennen sie und können daher auch ohne Sprachkenntnisse bei den Spielen mitmachen." Lehrkräfte finden Aufgabenkarten und Spielideen zu Themen wie Lesen oder Sprache, eine persönliche Schulung gibt es obendrauf.

"Sprache ist die wichtigste Voraussetzung für Integration und die wichtigste Determinante allen Lernens", gibt Gerhard Zupp, Bundesvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik (DGS) zu bedenken. In kleinen Heftchen hat die DGS Informationen zu Themen wie "Sprachentwicklung bei Mehrsprachigkeit" oder "Inklusion: Mit Sprache teilhaben" kompakt zusammengefasst. Gerade Fachkräfte, die sich bisher kaum mit dem Thema Sprachelernen beschäftigt haben, erhalten so einen Überblick über die wichtigsten Eckdaten.


 Materialien für die Arbeit mit Flüchtlingskindern

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Eine Materialliste für die Arbeit mit Flüchtlingskindern steht Ihnen hier zur Verfügung.


Vielfältige Materialien zum Spracherwerb in der Schule

Der schulische Bedarf an Materialien, Unterrichtsideen und Fachwissen rund ums Deutsch lernen und Sprachförderung ist derzeit so hoch, wie selten zuvor. Alle Verlage stocken ihre Angebote auf. Beim Finken-Verlag ist gerade der zweite Band der Hör-Bilderbuch-Reihe "Komm zu Wort!" erschienen, kombiniert mit dem Ting-Stift, der zu sprechen beginnt, sobald man auf ein Bild tippt. Damit können Kinder die wichtigsten Wörter aus Alltagssituationen gleichzeitig sehen und hören. "Die Nachfrage ist gewaltig", berichtet Programmleiterin Petra Golisch, "zumal sich manche Kinder sehr schnell entwickeln und dann neues Hör- und Wortmaterial brauchen". Die Bücher sollen zudem einen ersten Eindruck vom Leben in Deutschland vermitteln und sanfte Hinweise auf das Rollenverständnis geben, indem auch Ärztinnen oder Männer bei der Hausarbeit gezeigt werden. Für die älteren Schüler wurden die Zeichnungen der "Komm zu Wort!"-Reihe durch Fotos ersetzt, um den Jugendlichen den Grundwortschatz lebensnaher zu vermitteln: Darauf sind echte Schüler aus Deutschland, Syrien, Irak und Nigeria in typischen Alltagssituationen an ihrer Nürnberger Schule zu sehen. Tippt man mit dem Ting-Stift darauf, erklingt das passende Wort.

Echtes Alltagswissen möchte auch Sigrun Jungwirth von JuP Umweltbildung vermitteln und brachte einen großen Koffer mit auf die Messe: In dem "Abfallkoffer" stecken Spielideen und umfangreiche Materialien, um Kindern zu erklären, wie man Müll vermeidet, richtig sortiert, recycelt oder kompostiert.

Lehrkräfte brauchen Weiterbildungen

All diese Materialien werden dringend gebraucht und schaffen eine gute Grundlage, um mit Flüchtlingskindern zu arbeiten. Dennoch müssten zusätzliche Sprachlehrer, Dolmetscher, Sozialpädagogen und Psychotherapeuten an die Schulen und die Lehrkräfte bräuchten  Fortbildungen und Supervisionen, forderte Jens Hoffsommer von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung in Köln. Denn der Umgang mit teils schwer traumatisierten Kindern, könne Fachkräfte immens belasten. "Supervision hilft, auf sich selbst und seine Grenzen zu achten. Das Ziel ist mitfühlen und nicht mitleiden, denn nur dann kann man effektiv helfen und selbst dabei gesund bleiben", erklärt Birgit Gass, die als Psychologische Psychotherapeutin ehrenamtlich Supervision für Flüchtlingshelfer anbietet. Gleichzeitig warnte Hubertus Adam, Professor für Jugendpsychiatrie und leitender Chefarzt, vor vorschnellen Trauma-Diagnosen: Viele Kinder zeigten schlicht "völlig normale Reaktionen auf völlig unnormale Situationen". Aber sie bräuchten besondere Unterstützung und Adam schlägt dazu in seinem Buch "Pädagogische Arbeit mit Migranten- und Flüchtlingskindern", das bereits 2013 im Beltz Verlag erschienen ist, konkrete Unterrichtsmodule vor.

Außerschulische Lernorte bieten neue Lernerfahrungen

Auch die außerschulischen Lernorte übernehmen eine wichtige Rolle bei der Integration. Einen solchen Lernort bietet etwa der Verein "Gesicht zeigen" in Berlin, deren Unterstützerin Dunja Hayali gerade erst als didacta Bildungsbotschafterin ausgezeichnet wurde. Der Verein bietet Workshops für Schulklassen, um mehr über Migration, Rassismus oder Ausgrenzung zu erfahren. "An außerschulischen Lernorten lernen Schüler einfach anders", erklärt Jan Krebs, einer der Köpfe des Vereins. Er und das Team setzen dabei etwa auf theaterpädagogische Spiele oder Aufstellungen im Raum, um Schüler aus Regelklassen für Themen wie Entfernung, Aus- oder Abgrenzung zu sensibilisieren.

Apps sorgen für vielfältige Bildungschancen

Ebenfalls an ältere Schüler richtet sich das Programm "Starter" von eCademy, das als vereinfachte Version den Einstieg in Ausbildungsberufe der Metall- und Elektroindustrie erleichtern soll. Zahlreiche Animationen veranschaulichen das Fachwissen, kombiniert mit Ton, Sprache und Text in Englisch und Deutsch. Wie wichtig digitale Medien, Filme oder Apps in der Arbeit mit Flüchtlingskindern sein können, wissen auch die König Möbelwerke, die gerade erst das FrüKi-Pad für Kitas entwickelt haben: ein iPad samt Verwaltungssoftware, kindgerechten Lern-Apps und einer weichen Polsterung außen herum zum Schutz vor Stürzen. Didacta Verbands Präsident Wassilios E. Fthenakis präsentierte auf der Messe zudem ein umfassendes Integrationsprogramm, das soeben mit der Stadt Heidenheim umgesetzt wurde: Die App "Mappy" ist eine interaktive Umgebungskarte mit der Flüchtlingskinder und Jugendliche mobil nach Bildungsorten, Sport- oder Freizeitangeboten in ihrer Nähe suchen können, wahlweise auf Deutsch, Englisch und Arabisch.

Lernen von inklusiven Schulen

Auch an den Klax-Schulen hätten fast alle Schüler Spracherkennungs- und Übersetzungs-Apps auf ihren Handys, erzählt Antje Bostelmann, das sei oft eine große Hilfe und erleichtere auch die Kommunikation der Schüler untereinander: "Das sind ja gar keine Flüchtlinge - das sind ja Jugendliche", staunte ein 15-Jähriger, als die ersten Neuankömmlinge an die Schule kamen. Den Klax-Schulen fällt die Integration vielleicht auch deshalb leichter, weil sie als inklusive Schule von vornherein darauf eingestellt sind, mit unterschiedlichsten Voraussetzungen und Bedürfnissen von Kindern umzugehen. Die Angst, dass die Polizei wieder kommen könnte, um Mitschüler abzuschieben, ist seit dem Erlebnis neulich dennoch geblieben. Auch das ist Integration. Aber bei allem, was Erzieherinnen und Lehrkräfte derzeit leisten müssen, dürfe man eines nicht vergessen, sagt Bostelmann: "Die Hauptherausforderung liegt bei den Kindern selbst. Sie müssen sich, nach allem, was sie erlebt haben, plötzlich in einer völlig fremden Sprache und Kultur zurecht finden und gehen dann abends nach der Schule zurück in ihre Sporthallenlager." Umso wichtiger ist es, dass alle Bildungseinrichtungen sie bestmöglich dabei unterstützen hier anzukommen und ihnen nach all dem Chaos wieder ein Gefühl von Sicherheit und Perspektiven geben.

(Dieser Artikel erscheint auch in didacta - das Magazin für lebenslanges Lernen 2/2016)