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28.07.2014
In deutschen Kitas fehlen 120 000 Erzieherinnen

Für eine hochwertige frühkindliche Bildung benötigen die Kitas in Deutschland einer Studie zufolge 120 000 zusätzliche Erzieherinnen und Erzieher. Das würde jährlich fünf Milliarden Euro kosten und die Personalaufwendungen in dem Bereich um ein Drittel erhöhen, hat die Bertelsmann Stiftung berechnet. Die am 25. Juli veröffentlichte Analyse belegt außerdem ein starkes West-Ost-Gefälle beim Personalschlüssel. Darum müsse es bundesweit geltende Qualitätsstandards geben, forderte Jörg Dräger vom Stiftungsvorstand.

Auch Sozialverbände und Gewerkschaften forderten ein Bundes-Kita-Gesetz. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) erklärte in Berlin, gemeinsam mit allen Beteiligten müsse überlegt werden, wie Erzieherinnen und Erzieher besser unterstützt werden könnten. "Das heißt, auch Länder, Kommunen und Träger müssen in die Entwicklung von Standards mit eingebunden werden. Das gehen wir jetzt an", sagte Schwesig. Für den Herbst sei eine Konferenz zur Kindertagesbetreuung geplant.

Der Bertelsmann-Studie zufolge muss sich in Ostdeutschland rechnerisch eine Erzieherin um 6,3 Krippenkinder kümmern. Im Westen kommen im Durchschnitt 3,8 Kinder auf eine Erzieherin. In Bremen und Baden-Württemberg ist eine Erzieherin durchschnittlich für drei Kinder zuständig, in Sachsen-Anhalt hingegen für mehr als sechs Kinder.

Ähnlich groß sind die Unterschiede zwischen den Bundesländern auch in Kitas für Kinder ab drei Jahren. Hier liegt der Personalschlüssel im Westen bei 1 zu 9,1 und im Osten bei 1 zu 12,7. Vorzeigeländer sind erneut Bremen (1 zu 7,7) und Baden-Württemberg (1 zu 8). Am anderen Ende steht Mecklenburg-Vorpommern (1 zu 14,9).

In der Praxis sei das Betreuungsverhältnis sogar noch ungünstiger, hieß es. Tatsächlich könne eine Erzieherin nur 75 Prozent ihrer Zeit für die Kinder aufwenden, der Rest entfalle auf Teamgespräche, Fortbildung und Urlaub. Damit betreue eine Beschäftigte im Osten also mindestens acht und im Westen fünf Krippenkinder. Dabei beziehen sich die Betreuungsrelationen jeweils auf das Verhältnis Vollzeitkraft zu Ganztagskind.

Für eine kindgerechte und pädagogisch sinnvolle Betreuung fordert die Stiftung, dass bei den unter Dreijährigen eine Erzieherin für höchstens drei Kinder verantwortlich ist. Für die Altersgruppe ab drei Jahren sollte der Personalschlüssel nicht schlechter als 1 zu 7,5 sein. "Politik und Praxis sollten sich auf bundesweite kindgerechte Standards einigen, damit alle Kita-Kinder in Deutschland gute Bildungschancen haben", sagte Stiftungsvorstand Dräger.

GEW schlägt fünf-Jahres-Plan vor

Nach Ansicht der Bildungsgewerkschaft GEW müssten in einem Bundes-Kita-Qualitätsgesetz vor allem bessere Personalschlüssel, die Freistellung der Leitungskräfte vom Gruppendienst sowie die Vor- und Nachbereitungszeit geregelt werden. Die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe appellierte an Bund, Länder und Kommunen, sich zur Finanzierung mit Trägerverbänden und Gewerkschaften auf einen Fünf-Jahres-Plan zur Qualitätsverbesserung zu verständigen. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht Bund und Länder in der Pflicht, "endlich mit Gewerkschaften und Trägern gemeinsam Standards zu entwickeln".

"Es ist weder gerecht noch verständlich, dass die Qualität in Kitas so offensichtlich vom Wohnort der Menschen abhängen", meinte der AWO-Vorstandsvorsitzende Wolfgang Stadler.

Der Deutsche Städtetag dagegen hält bundeseinheitliche Vorgabe für Personalschlüssel nicht für sinnvoll. Denn damit würde man den unterschiedlichen Konzepten und Rahmenbedingungen der Einrichtungen vor Ort nicht gerecht, sagte Hauptgeschäftsführer Stephan Articus dem Berliner "Tagesspiegel" vom 26. Juli.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) wies darauf hin, dass Kitas inzwischen allgemein als Eingangsstufe des institutionellen Bildungssystems gesehen würden. "Der Beruf der Erzieherin, des Erziehers braucht mehr Wertschätzung und damit eine bessere Bezahlung und den Zugang zu einer Ausbildung auf Fachhochschulniveau", forderte der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann.

Seit 1. August 2013 haben Eltern von unter Dreijährigen einen Rechtsanspruch auf ein staatlich gefördertes Betreuungsangebot - entweder in einer Kindertagesstätte oder bei einer Tagesmutter. Es fehlen aber trotz Zuwachses vor allem im Westen in den vergangenen Jahren noch Plätze. Zum 1. März 2014 stand für knapp 662 000 Kinder unter drei Jahren ein Platz zur Verfügung. Das waren 32,5 Prozent der Kleinkinder in diesem Alter. Ursprünglich sollte es bis Inkrafttreten des Rechtsanspruchs 750 000 Betreuungsangebote geben.

Der Bund unterstützt Länder und Kommunen beim weiteren Kita-Ausbau nach Darstellung des Familienministeriums in dieser Legislaturperiode mit einer Milliarde Euro stärker als je zuvor. Ab 2017 gebe es 100 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich. Für sprachpädagogische Förderung stünden weitere 400 Millionen Euro bereit.

Stiftung: Personalausstattung wichtig für frühkindliche Bildung

Für eine qualitativ gute frühkindliche Bildung sind nach Ansicht der Bertelsmann Stiftung verbindliche Qualitätsstandards erforderlich. Dazu gehöre vor allem genügend Personal. Erzieherinnen und Erzieher benötigten mindestens 25 Prozent ihrer Zeit für Aufgaben wie Elterngespräche, Teambildung oder Fortbildungen. Dies werde aber im Personalschlüssel häufig nicht berücksichtigt, sagte Projektleiterin Kathrin Bock-Famulla.

Nach Empfehlung der Stiftung sollte deshalb bei unter dreijährigen Kindern ein Personalschlüssel von 1 zu 3 gelten - abzüglich der "Arbeitszeiten ohne Kind" entspreche dies dann in der Realität einem Schlüssel von 1 zu 4.

Bei den Kindern ab drei Jahren sei ein Schlüssel von 1 zu 7,5 nötig - in der Praxis sei damit eine Erzieherin für 10 Kinder zuständig. Die Kita-Leitung müsse für ihre Leitungsaufgaben freigestellt werden, fordert die Stiftung. Nötig seien außerdem Standards bei Fort- und Weiterbildung. Diese Rahmenbedingungen seien die Voraussetzung dafür, dass das Fachpersonal seine pädagogischen Konzepte umsetzen könne.

Weitere Informationen:

  • Informationen der Bertelsmann Stiftung mehr

 


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