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28.09.2009
Trotz Studentenrekords: Unlust am Studium wächst

Zum Start des neuen Wintersemesters werden in diesen Tagen so viele Studienanfänger wie noch nie in Deutschland erwartet: Zwischen 390 000 und 400 000 schwanken die Prognosen. Ursache sind extrem geburtenstarke Schulabgängerjahrgänge im Westen und zugleich die ersten doppelten Abiturientenjahrgänge aus einigen Bundesländern nach der gymnasialen Schulzeitverkürzung. Doch die Rekordmeldungen über den Studienanfängerboom kaschieren, dass zugleich immer mehr junge Menschen von ihrem "Zeugnis der Hochschulreife" gar keinen Gebrauch machen und auf ein Studium verzichten. Darunter sind vor allem junge Frauen und Abiturienten aus einfachen Verhältnissen - wie mehrere Untersuchungen zeigen.

Bereits seit fünf Jahren zeichnet sich jetzt ein stetig wachsender Trend zur Unlust am Studium ab: 2008 verließen fast 20 Prozent mehr junge Menschen ihre Schule mit Abitur oder Fachhochschulreife als noch 2003. Tatsächlich stieg aber die Zahl der Studienanfänger im gleichen Zeitraum nur um 2,4 Prozent.

Die Gründe für den Studienverzicht sind vielfältig. Mit ganz oben stehen bei regelmäßigen Abiturientenbefragungen des Hochschulinformations-Systems (HIS) unsichere Berufsperspektiven und materielle Gründe, wie Unklarheit über die eigene Studienfinanzierung, Angst vor Schulden und Studiengebühren. Abiturienten aus ärmeren und bildungsfernen Elternhäusern verzichten dabei weitaus häufiger als Gleichaltrige aus Akademikerfamilien. Auch bleiben weitaus mehr junge Frauen als junge Männer den Hochschulen fern.

Noch nie waren Informationsdefizite, Orientierungsprobleme und Unsicherheiten über den Sinn und Wert einer akademischen Ausbildung unter den Abiturienten so verbreitet wie heute, konstatierte eine Autorengruppe für den Bildungsbericht 2008 von Bund und Ländern. Verwiesen wird dabei auch auf die Probleme bei der Umstellung auf die neuen Bachelor-Studiengänge. Während Abiturienten und ihre Eltern oder Ratgeber sich früher auf Erfahrungswerte aus den alten Studienstrukturen verlassen konnten, gelten die Berufsperspektiven der Bachelor-Absolventen häufig noch als unklar.

Zudem hat sich unter den Abiturienten längst herumgesprochen, dass das Bachelor-Studium mit seiner Stofffülle, Präsenzpflicht und den straffen Zeitvorgaben kaum noch Zeit für Jobben nebenher lässt. Die massive Kritik der Studierenden beim "Bildungsstreik" im Frühsommer an den neuen Bachelor-Studiengängen wollen die Kultusminister jetzt aufgreifen. Bei ihrem Treffen Mitte Oktober in Waren an der Müritz soll die Korrektur von Fehlentwicklungen eingeleitet werden - wenngleich die Minister für die gewünschten Änderungen die immer stärker auf ihre Autonomie pochenden Hochschulen erst noch gewinnen müssen.

Von den Abiturienten des Jahrgangs 2008 gaben 27 Prozent an, auf ein Studium verzichten zu wollen. Seit 2003 haben die Kultusminister bereits dreimal ihre Anfängerprognose nach unten revidiert. Zwar scheint nach ersten Meldungen aus den Schulen der Abwärtstrend 2009 gebremst. Eine wirkliche Umkehr aus der Talsohle ist aber noch nicht in Sicht. In den 1980er Jahren und auch noch Anfang der 90er Jahre galten Studierquoten zwischen 80 und 90 Prozent als Normalfall. Heute rechnen die Kultusminister allenfalls noch mit einer Quote von 75 Prozent.

Abiturienten streben Lehre an
Immer mehr junge Menschen mit Studienberechtigung fühlen sich zudem auf die fachlichen wie überfachlichen Anforderungen eines Studiums nicht ausreichend vorbereitet. "Die Einschätzung von Hochschullehrenden, die eigene Wahrnehmung von Studienberechtigten, die Messung der Leistungsfähigkeit in Bereichen, die für den Studienerfolg zentral sind, sowie Untersuchungen zur Vorbereitung auf das wissenschaftliche Arbeiten führen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass die schulische Vorbereitung auf das Studium Defizite aufweist", heißt es dazu im Bildungsbericht.

Als Alternative zum Studium suchen immer mehr Studienberechtigte den Einstieg ins Arbeitsleben über eine betriebliche Berufsausbildung. Dabei hat laut Bildungsbericht die Bedeutung der vor allem in den 80er und 90er Jahren recht populären Doppelqualifikation (Lehre plus Studium) eher abgenommen und es ist fraglich, ob diese junge Menschen etwa heute nach einer abgeschlossenen Ausbildung etwa als Bankkaufmann ein Bachelor-Studium in Betriebswirtschaft anschließen - ungeachtet der aktuellen Debatte um die Anerkennung von Vorkenntnissen aus der Berufsausbildung im Studium.

Es klingt in der Tat zunächst gigantisch, wenn die Kultusminister in ihrer jüngsten Studienanfänger-Prognose für 2013 rund 425 000 Studienanfänger erwarten - bei 493 000 neuen Studienberechtigten in dem Jahr. Denn dann verlässt auch im  bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen ein doppelter Abiturientenjahrgang die Schulen. Doch sind danach die Effekte aus der Schulzeitverkürzung verpufft, werden Studienanfänger bundesweit zur raren Ware.

Der Bildungsforscher Klaus Klemm rechnet mit Blick auf die dann folgenden geburtenschwachen Schulabgängerjahrgänge vor, dass bei der politisch angestrebten Studierquote von 40 Prozent eines Jahrgangs bereits etwa ab Mitte des nächsten Jahrzehnts rund 70 000 Studienplätze mangels Bewerbern nicht mehr zu besetzen seien - Plätze, die Bund und Länder mit dem Hochschulpakt gerade für viel Geld aufbauen. Dabei sind ungeachtet der Wirtschaftskrise die Arbeitsmarktperspektiven für Akademiker nicht schlecht. Heute bereits fehlen Lehrer, Ingenieure, Naturwissenschaftler und Mediziner. Allein in den nächsten fünf Jahren werden in Deutschland 330 000 Akademiker aus Altersgründen ausscheiden, darunter 85 000 Ingenieure und 70 000 Naturwissenschaftler. Schon 2014 könnten nach Arbeitsmarktprognosen bis zu einer halben Million Akademiker fehlen.


Quelle: dpa
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